Stadtgeschichte von unten

Stadtgeschichte von unten

Schüler aus Waldau erkundeten in Bunkern und Felsenkellern das historische Kassel.

Von Sebastian Schaffner
Kassel. Mit einem dumpfen Knall fällt die rostige Eisentür ins schwere Schloss – jetzt ist es stockduster. „Ist das gruselig hier“, sagt Roya flüsternd, knipst die Lampe an ihrem Schutzhel an und tastet sich vorsichtig durch den langen, duklen Gang. Der Lichtkegel ihres Helms huscht über verstaubte Wandfliesen und illuminiert ein unbewohntes Spinnennetz an der tiefen Betondecke. Nur die seit Jahrzenten verlassenen Toiletten deuten darauf hin, dass hier früher einmal Menschen waren – im ehemaligen Luftschutzbunker mehrere Meter unterhalb der Friedrich-Engels-Straße in Kassel-Mitte.
Zusammen mit 22 Klassenkameraden nimmt die 13-jährige Roya während der Projektwoche der Offenen Schule Waldau an der unterirdischen Stadtführung „Tiefgänge“ des Vereins Viktonauten Teil. Der Name setzt sich aus den Abkürzungen für Visionen und Kommunikation für den forschenden Aufbruch in neue Gebiete zusammen. Spenden des Vereins Zahnärzte und Patienten helfen Kindern in Not (2750 Euro) und von Mercedes Benz Kassel (550 Euro) haben den Siebtklässlern einen zweistündigen Blick in die Kasseler Unterwelt ermöglicht. „Stadtführungen dieser Art kann man im Unterricht nicht ersetzen“, sagt Klassenlehrer Marcus Kliche, als er wieder Tageslicht sieht.
Der durch die Fassade eines Bürogebäudes getarnte Hochbunker aus dem zweiten Weltkrieg wird heute anderweitig genutzt. „Früher har der Bunker die Menschen drinnen vor Bomben geschützt, heute schützt er die Menschen vor dem Krach“, sagt Jens Domes von Vikonauten. Denn mittlerweile fungieren die oberen Etagen des Gebäudes als Kulturbunker, in dem unter anderem Trommelworkshops angeboten werden.
Versteckt hinter Efeu an der Ecke zur kölnischen Straße, öffnet Domes eine weitere Tür in die Kasseler Unterwelt. Über eine glitschige, steile Treppe führt er Roya und ihre Mitschüler in einen etwa 200 Jahre alten Felsenkeller, der erst zur Bierlagerung, später zum Schutz bei Luftangriffen dienste.
In zwölf Meter Tiefe entdecken sie bei hoher Luftfeuchtigkeit Anzeichen einer Tropfsteinhöhle und lauschen Tonbandaufzeichnungen des Zweiten Weltkriegs. Als die Schüler neben einer Gasschleuse mehrere Meter unterhalb des Engelsburg-Gymnasiums Reste einer Brandbombe finden, fühlen sie sich endgültig in die Zeit der Bombenangriffe von 1943 versetzt. „Jetzt kann ich mir richtig vorstellen, wie sich die Menschen damals gefühlt haben“, sagt Roya.
In den Bunker können demnächst weitere Schulklassen hinabsteigen. Denn noch sei Geld von den Spenden übrig, sagt Thomas Gudella von Vikonauten. www.tiefgaenge.de

 

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